Wo steht die IT im Gesundheitswesen?

Der Interviewpartner des Monats ist Axel Wehmeier, Sprecher der Geschäftsführung der Deutsche Telekom Healthcare and Security Solutions GmbH.

Die Deutsche Telekom Health Care Solutions hat sich 2014 organisatorisch verändert. Was wollten Sie durch die Veränderung der Organisation erreichen?

Der Grund war ganz simpel: wir haben alle mit Health Care beschäftigten Units gebündelt, weil wir fest davon überzeugt sind – und die Marktresonanz gibt uns da Recht –, dass es sinnvoll ist, alles Anwendungs- und spezifische infrastrukturbezogene Dienste in dem Sektor zusammenzufassen.

Was sind Ihrer Meinung nach die aktuellen Trendthemen in der Gesundheits-IT?

Das ganze Thema rund um Sensorik und Erfassung von Vitaldaten. zweitens, Mobile ist ein großes Thema sowohl in der Variante, hier den Klinikarbeitsplatz in die mobile Visite zu geben als auch Herzinsuffizienz für Patienten mobil zu betreuen oder das Thema, kurzum: Apps. Das Dritte, würde ich sagen, ist Analytics in Verbindung mit der Cloud. Das ist auch noch mal so ein Block, mit dem sich die Branche sehr intensiv zurzeit auseinander setzt.

Was glauben Sie, welche davon sind gerechtfertigt, aus welchen von denen wird etwas oder bei welchen ist gerade nur ein Hype?

Die Frage ist immer, wann wird es ein Geschäft mit kritischer MAsse. Letztendlich bin ich der festen Überzeugung, alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert wird. Aufzuhalten ist das nicht. Ich glaube sehr wohl, dass es spezifische Formen der Digitalisierung gibt. Also dass wir nicht sehen werden, dass Digitalisierung, wie sie in der Automobilindustrie abläuft, eins zu eins auf die Gesundheitsbranche überstülpt werden kann. Es gibt da andere Anforderungen, was den Datenschutz, Datensicherheit, aber auch, was die Kunden angeht. Aber alle der genannten Entwicklungen werden wir zweifelsohne sehen. Warum ist das so? Weil die Patienten das wollen, weil sie mobile Apps nutzen wollen, weil die Pfleger und Ärzte es wollen. Die wollen iPads haben und nicht mehr an einem normalen Rechner sitzen. Und weil die Versicherungen die Datenanalyse brauchen, um imVersorgungsmanagement weiter zu kommen.

Es gibt ja im Gesundheitswesen schon lange diese Binsenweisheit, dass es einer der wenigen Bereiche ist, wo man noch gleichzeitig Geld sparen kann und die Qualität heben, weil die Kommunikation so schlecht ist. Was ist Ihre Meinung dazu?

Mittelfristig ist das auf jeden Fall richtig. Allerdings, und das wird aus meiner Sicht nicht verstanden bzw. will nicht verstanden werden, muss erst mal investiert werden. Man muss in Infrastrukturen, man muss in Technologie investieren, um mittelfristig die Einsparungen realisieren zu können. Und wir haben in vielen Bereichen immer noch die vorherrschende Kameralistik-Denke, dass man ein Jahresbudget hat und das wird aufgebraucht. Wir tun uns schwer, mit einem Zeithorizont von drei bis fünf Jahren zu investieren.

Damit haben Sie quasi die nächste Frage zum Thema Investionswillen vorweggenommen. Haben Sie eine Meinung, warum das so ist?

Das umlagefinanzierte System hat jahrelang davon gut gelebt, dass es mehr Beitragszahler gab und dass Medizin sich zwar verteuert hat, aber in geringen Raten. Ein Gesundheitssystem ist natürlich sehr exponiert gegenüber den demografischen Entwicklungen sowohl auf der Finanzierungsseite als auch auf der Ausgabenseite. Wenn wir zukünftig einen höheren Anteil älterer Leute und nur einen geringeren an Beitragszahlern haben und die Älteren einen entsprechend einen höheren Anteil der Versorgung beanspruchen, dann müssen dafür neue Lösungen entstehen. Wir haben in Deutschland den Anspruch, nicht zu rationieren, sondern eben eine sehr ordentliche Versorgung allen zur Verfügung zu stellen. Das System muss erst noch Wege finden, investiv auch an IT- und Vernetzungsthemen zu gehen. Wir denken stärker noch in den Regularien der gemeinsamen Selbstverwaltung im Hinblick auf Budget-Verteilung. Und wir tun uns sehr schwer, sektorübergreifend strategisch und investiv zu denken und umzusetzen.

Was soll der Beitrag von IT sein, um das Gesundheitswesen zu verbessern in diesem Kontext?

Die Frage einer relevanten sektorübergreifenden Versorgung ist noch ungelöst in Deutschland. Und ich denke, IT-Vernetzung ist eine Voraussetzung dafür. Und ein zweiter wesentlicher Punkt: wir können den häuslichen Bereich in die Versorgung einbeziehen und dabei eine gewisse Qualitätssicherung einbringen. Das Dritte ist, ich kann mir die Gesundheitsvorsorgen der Zukunft nicht ohne einen aufgeklärten Patienten denken oder mehr aufgeklärte Patienten, mehr aktive Patienten. Und da spielt – glaube ich – das Internet, das mobile Internet eine zentrale Rolle.

Außerhalb des Gesundheitswesens ist es eigentlich schon länger so, dass IT ja als Business Enabler gesehen wird, also dass IT nicht mehr nur eine Servicefunktion ist, die das MS Office stellt, sondern das Geschäftsmodell voranbringen soll. Haben Sie das Gefühl, das ist im Gesundheitswesen auch schon passiert?

Ja, wenn ich mir manche anderen Länder angucke, ganz bestimmt. Zum Beispiel eine Kaiser Permanente in den USA hat ein Millarden – Budget für IT – jährlichWas ich beobachte, ist, dass die Qualität der Versorgung im Vergleich zu den anderen Institutionen weiter, immer besser wird. Die Bedeutung von IT also sehr strategisch gesehen wird und das Unternehmen den Vorteil einer Vernetzung für ihre Versorgung erkannt habt. Ich glaube, es ist weniger ein Erkenntnisproblem als die Frage, wie bekommen wir es ins System und wie bekommen wir es sozusagen in unseren Finanzierungs- und Qualifizierungsmechanismen abgebildet.

Als IT-Anbieter möchte man ja oft innovativ sein. Wie gehen Sie damit um, dass das deutsche Gesundheitswesen, sich ja am Rande der Innovationsfeindlichkeit zu bewegen scheint?

Ich nehme das nicht ganz so wahr. Was wir mit der Knappschaft im Mobile-Bereich machen, das finde ich sehr innovativ. Und das ist da auch schon flächendeckend implementiert. Wir denken aber oft zu sehr in Piloten, in Projekten, wenn es um Innovation geht und zu wenig strategisch, zu wenig in Richtung Produkte. Und das ist in der Tat – glaube ich – ein Erziehungs- oder ein Lernprozess, den wir als System durchlaufen müssen.

Letzte Frage: Wenn Sie so um sich gucken, was wären denn so Ihre Hoffnungsträger für beeindruckende Innovationen in den nächsten fünf oder zehn Jahren im Gesundheitswesen?

Ich glaube schon, das sehr viel medizinischer diagnostischer und Versorgungsfortschritt aus Dataanalytics, aus Big Data kommen wird. Ich glaube, dass wir ein ganz gutes Stück weiter sind, wenn wir so was wie eine Patientenakte haben, die intersektoral genutzt wird. Und das technisch kein Rocket Science, aber wahrscheinlich einer der wesentlichen Schritte, um so was wie Case Management, intersektorale Versorgung, das, was eigentlich schon auch im Gesetz, ASV-Versorgung angelegt ist, zum Fliegen zu bringen. Dann wären wir schon ein gutes Stück weiter. Alles auch natürlich auf der Basis einer gemeinsamen Telematikinfrastruktur. Also die Perspektive ist da.

Ganz herzlichen Dank!


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