Das Digital-Health-Paradox – Gesundheitsförderung durch süchtig machende Medien?

Digital-Health-Konzepte nutzen die zentrale Stellung mobiler Endgeräte in unserem Leben. Das ist nicht ohne Risiken

Apps werden aufwendig optimiert mit dem Ziel, dass wir sie möglichst oft und lange nutzen. Am schamlosesten gesteht das Nir Eydal mit dem Titel seines einschlägigen Buches ein: „Hooked – Wie Sie Produkte erschaffen, die süchtig machen”. In der psychologischen Fachwelt wird dieses Vorgehen als “Behavior Design” beschrieben. Spezialisierte Institutionen wie beispielsweise das Behavior Design Lab der Standford Universität geleitet von Dr. BJ Fogg, dem Entwickler der theoretischen Grundlage des Modells, haben großen Einfluss im Silicon Valley. Etablierte Akteure wie Facebook oder beispielsweise Instagram nutzen ganz selbstverständlich diese Mechanismen, um die Nutzer auf ihren Plattformen und Apps zu halten und bestimmte Verhaltensweisen zu forcieren.  

Das Konzept des Behavior Designs geht auf: Wir lassen uns durchschnittlich 88 Mal am Tag vom Smartphone unterbrechen und beim kleinsten Anflug von Langeweile wird es gezückt.[i] Die neurobiologischen Mechanismen, die diesem Verhalten zugrunde liegen, sind letztlich dieselben wie bei der Spiel- oder auch Kokainsucht. Wir tragen einarmige Banditen mit uns herum![ii]

Studien konnten mittels funktioneller Bildgebung nachweisen, dass die Häufigkeit der Smartphone-Nutzung mit Veränderungen der Hirnaktivität und -struktur der Probanden korreliert.[iii] Die beschriebenen Areale spielen eine wesentliche Rolle im hirneigenen Belohnungssystem.  

Dazu kommt, dass dieses Verhalten weitere Risiken mit sich bringt: Dauernde Unterbrechungen untergraben unsere Konzentrations- und Lernfähigkeit und unser Wohlbefinden.iii Die Handy-Nutzung von Eltern belastet die Beziehung zu ihren Kindern.[iv],[v] Exzessive Nutzung von Social Media scheint mit Depressionen assoziiert zu sein.[vi] Das energiereiche blaue Licht von Handy-Displays beeinträchtigt den Schlaf.[vii]

Im Silicon Valley ist man sich der Problematik der Technologie bewusst und diverse Vertreter der Tech-Industrie halten sie für so gefährlich, dass sie ihre eigenen Kinder davon fernhalten.[viii]

 

Das Digital-Health-Paradox

Im Kontext von Digital Health, also der Förderung von Gesundheit durch digitale Medien, ergibt sich so eine paradoxe Situation. Wer Digital-Health-Anwendungen konzipiert, muss sich entscheiden: Will man – um gesundheitsförderliches Verhalten zu unterstützen – dieselben erwiesenermaßen erfolgreichen Mechanismen nutzen, die Abhängigkeit fördern, die die Konzentrationsfähigkeit untergraben und die die bereits erwähnten negativen Auswirkungen auf die Gesundheit haben? Oder konzipiert man eine Lösung, die Adhärenz und Wirksamkeit seines Digital-Health-Produktes anstrebt, ohne die negativen Konsequenzen einer abhängig machenden und Achtsamkeits-zersetzenden Technologie in Kauf nehmen zu müssen – mit dem Risiko der eventuell geringeren Adhärenz?

Ein weiteres grundlegendes Problem der Smartphone-Nutzung, das die Gesundheitsförderung durch Digital Health konterkariert, stellt der mögliche Kompetenzverlust dar. In dem Maße, in dem ein Mensch Tätigkeiten an ein Gerät oder eine App auslagert, werden notwendige Kompetenzen zumindest nicht weiterentwickelt; im Extremfall werden sie eingebüßt. Studien zeigen, dass sich Probanden signifikant schlechter Dinge merken, die in ihrem Smartphone abgelegt sind oder im Internet nachgesehen werden. Dieses Phänomen avancierte in den populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zum sogenannten „Google-Effekt“ oder synonym auch „Digitale Demenz“.[ix] [x] Auch hier steht der Hersteller/Förderer von digitalen Gesundheitsanwendungen vor dem Dilemma: Will er die Gesundheitskompetenz der Nutzer erodieren, indem er ihnen die Verantwortung für gesundheitsbewusstes Handeln abnimmt?[xi] Ist es ein erstrebenswertes Ziel, einen Menschen mittels App zu „erziehen“, der ohne Erinnerung durch sein Smartphone nicht mehr in der Lage ist, genügend zu trinken und keinen Zugang zu seinem eigenen Durstgefühl mehr hat?

Welche gesamtgesellschaftliche Relevanz diese Fragen tatsächlich haben, wird beurteilbar, wenn man einen genaueren Blick auf den Markt digitaler Gesundheitsanwendungen wirft und diese differenzierter betrachtet. Denn dann lässt sich auch beantworten, ob die Kosten (Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit etc.) in einem adäquaten Verhältnis zum Nutzen (Unterstützung des Gesundheitshandelns, der Versorgung bis zu integriertem Krankheitsmanagement) stehen. Durchsucht man einschlägige App-Vertriebsplattformen wie beispielsweise den Apple App Store oder Google Play Store nach digitalen Anwendungen zum Thema „Gesundheit und Fitness“, erhält man ein vielfältiges Angebot von Gadget-Apps, über einfache Wellness-Apps bis zu komplexen Gesundheits- und Therapie-Interventionen: Schrittzähler, Trinkanleitungen, Meditationsanleitungen, Apps zu Frauengesundheit oder appbasierte Psychotherapien. Und genau hier ist zu differenzieren: Welche dieser Anwendungen bieten dem Nutzer einen wirklichen gesundheitsrelevanten Mehrwert und welche unterminieren lediglich die Aufmerksamkeit?

Sicher, es finden sich zahlreiche „Gesundheits“-Apps, die wirklich kein Mensch braucht. Aber auf der anderen Seite sind durch zahlreiche Innovationen auch digitale Versorgungs- und Behandlungsmodelle entwickelt worden, die in der analogen Welt bislang so nicht möglich und/oder verfügbar waren. So konnten sich aktuell vor allem im zweiten Gesundheitsmarkt einige App-Hersteller etablieren, die in klinische Studien ihre gesundheitsrelevanten Effekte untersucht haben und nachweisen konnten. Dementsprechend können heute beispielsweise Schlafstörungen[xii], Depression[xiii] oder Rückenschmerzen[xiv] durch digitale Gesundheitsanwendungen wirksam therapiert und begleitet werden. Diese digitalen Gesundheitsanwendungen bergen daher ein großes Potential, die Versorgung kranker Menschen zu verbessern. Aufmerksamkeit und Bildschirmzeit der Nutzer sind jedoch die Währung, mit der diese Leistungen bezahlt werden.

Letztlich müssen – um dem Paradox zu entkommen, und die wirklich guten Apps nicht in pauschalen Misskredit zu bringen – hierauf Antworten gefunden werden: Wie müssen Digital-Health-Anwendungen aussehen, die Adhärenz sowie die Kompetenz und die Selbstsorge der Nutzer wirklich fördern, statt sie zu unterminieren bzw. sie mit suchtfördernden Mechanismen herbeiführen? Welche Maßnahmen können individuell und gesellschaftlich ergriffen werden, um die unerwünschten Nebenwirkungen einzudämmen?

 

Qualitätskriterien für Digital-Health-Anwendungen

Um das Digital-Health-Paradox gesellschaftsübergreifend anzugehen, wäre es eine weitere Option, im wissenschaftlichen, aber auch im gesellschaftlichen Diskurs Qualitätskriterien zu erarbeiten, die Hersteller und Entwickler dazu anhalten, mit ihren Anwendungen einen nachhaltigen gesundheitsförderlichen Kompetenzaufbau zu unterstützen und abhängigkeitsbegünstigende Mechanismen zu vermeiden. Diese Kriterien können dann die Grundlage für eine Zertifizierung oder Gütesiegelvergabe sein. Entsprechende Verbände sind bereits in der Gründung. Auch die aktuellen Entwicklungen in der eHealth-Gesetzgebung geben der Politik, aber auch den Kostenträgern, die Möglichkeit, diese Aspekte in Zulassungs- und Erstattungsverfahren für digitale Gesundheitsanwendungen zu berücksichtigen. Sicherlich können dadurch nicht alle Anwendungen reguliert werden, insbesondere nicht die, die sich außerhalb der Erstattungsfähigkeit im sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt befinden und daher vom Nutzer selbst bezahlt werden. Es wäre jedoch ein erster Ansatzpunkt.

 

Digitales Fasten – ein neuer Trend

Im Laufe der letzten Monate hat sich vor allem im Kreis jüngerer Nutzer eine Bewegung etabliert, die die beschriebenen Prinzipien kritisch hinterfragt und reflektiert. „Digitales Fasten“ oder auch „Digitale Enthaltsamkeit“ gehört zu einer Reihe von Entwicklung eines neues Achtsamkeitsverständnisses der Nutzer digitaler Medien. Auch die Industrie hat diesen Trend erkannt, so dass verschiedene Hersteller von mobilen Endgeräten mittlerweile Funktionen zum Tracking des eigenen Konsumverhaltens mit Auswertung der Nutzungsfrequenz und Bildschirmzeit einzelner Themen und Anwendungen von Werk an anbieten.

 

Kompetenzaufbau statt Gängelung!

Voraussetzung zur Nutzung solcher Tools ist jedoch das Bewusstsein für die abhängigkeitsgenerierenden Mechanismen und die daraus folgenden Konsequenzen und Wirkungen auf die eigene Gesundheit. Die Vermittlung von Medien-, aber auch Gesundheitskompetenz wird zunehmend in der Öffentlichkeit diskutiert und in Politik und Bildungseinrichtungen aufgegriffen. Dieser neuen Subform dieser beiden Kompetenzbereiche, auch „Digital Health Literacy“ genannt, wird bislang jedoch erst wenig Aufmerksamkeit zuteil und durchdringt nur langsam durch aktuelle politische Debatten und Veranstaltungen von Fachgesellschaften das Bewusstsein der Nutzer.

Um das Digital-Health-Paradox anzugehen und mögliche Lösungen zu evaluieren, sind daher differenzierte und multidisziplinäre Ansätze zu diskutieren. Dies liegt in der Hand ganz unterschiedlicher Akteure:

  • Die Politik kann gestalterisch die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen, um wertvolle Impulse in der Bildung und Forschung zu setzen sowie sinnvolle Bewertungs- und Anreizsysteme fördern.
  • Die Bildungseinrichtungen wie beispielsweise Schulen, Ausbildungsbetriebe oder universitäre Einrichtungen, die unsere Patienten aber auch unsere Pflege, Therapeuten und Ärzte von morgen ausbilden, können schon früh digitale Gesundheitskompetenzen vermitteln und aufbauen.
  • Die App-Hersteller sowie Industrieverbände können im wissenschaftlichen Diskurs Qualitätskriterien und Gütesiegel erarbeiten, die zu ethischem und patientenorientiertem Entwickeln anleiten und anhalten.
  • Der Konsument selbst kann bei reflektiertem und kritischem Umgang mit diesen Apps das große Potential digitaler Gesundheitsanwendungen nutzen, ohne sich den möglichen negativen Einflüssen auszusetzen.

In der Gesamtbetrachtung ist die Chance, das „Digital-Health-Paradox“ anzugehen da. Die Zeit ist mehr als reif dafür.

 

[i] Markowetz et al., Psycho-Informatics: Big Data shaping modern psychometrics, Medical Hypothesis, Volume 82, Issue 4, April 2014, Pages 405-41

[ii] https://www.1843magazine.com/features/the-scientists-who-make-apps-addictive, Abruf am 02.08.2019 13:53Uhr

[iii] Montag et al., Behavorial Brain Research, Volume 329, 30 June 2017, Pages 221–228

[iv] https://www.nytimes.com/2018/10/26/style/phones-children-silicon-valley.html, Abruf: 02.08.2019 12:35Uhr

[v] McDaniel et al., Technoference: longitudinal associations between parent technology use, parenting stress, and child behavior problems, Pediatric Researchvolume 84, pages210–218 (2018)

[vi] “Age, Period, and Cohort Trends in Mood Disorder and Suicide-Related Outcomes in a Nationally Representative Dataset, 2005-2017,” by Jean Twenge, PhD, San Diego State University; Thomas Joiner, PhD, and Mary Duffy, BA, Florida State University; Bell Cooper, PhD, Lynn University; and Sara Binau, Pomona College. Journal of Abnormal Psychology, published online March 14, 2019

[vii] Wood et al., “Light level and duration of exposure determine the impact of self-luminous tablets on melatonin suppression”, Applied Ergonomics, Volume 44, Issue 2, Pages 237-240

[viii] S. z. B. https://www.nytimes.com/2018/10/26/style/phones-children-silicon-valley.html, Abruf: 02.08.2019 12:35Uhr

[ix] https://media.kaspersky.com/pdf/Kaspersky-Digital-Amnesia-Evolution-report-17-08-16.pdf, Abruf: 01.08.2019 20:00Uhr,

[x] Sparrow et al. “Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of Having Informationat Our Fingertips” Science, 5 Aug 2011, Vol. 333, Issue 6043, pp. 776-778

[xi] Diese Fragestellung haben wir in ganz ähnlicher Form auch bereits in unserem Blogbeitrag zur Nudging-Konferenz diskutiert.

[xii] “Effect of digital cognitive behavioral therapy for insomnia on health, psychological well-being, and sleep-related quality of life: a randomized clinical trial.“ Espie et al. JAMA psychiatry 76.1 (2019): 21–30.​

[xiii] Twomey et al., Effectiveness of an individually-tailored computerised CBT programme (Deprexis) for depression: A meta-analysis”, Psychiatry Research​

[xiv] “App-based multidisciplinary back pain treatment versus combined physiotherapy plus online education: a randomized controlled trial.” Toelle, Thomas R et al. NPJ digital medicine​

 

Foto (c) Unsplash/Lizenfrei


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