Konferenz „Nudging in der Gesundheitsförderung“ an der Charité

Trotz zweier Nobelpreise ist „Nudging“ in Deutschland relativ unbekannt. Jetzt fand in Berlin die erste deutsche Konferenz „Nudging in der Gesundheitsförderung“ statt.

Was ist „Nudging“?

Wer bei „Nudging“ zuerst an Monty Python denkt, befindet sich wahrscheinlich in guter Gesellschaft.[i] „Nudging“ (deutsch „anstupsen“) bezeichnet den Ansatz, durch geringfügige Veränderungen der sog. „Entscheidungsarchitektur“, d.h. aller materiellen und immateriellen Aspekte, die eine Entscheidung beeinflussen, einen positiven Einfluss auf ein Verhalten auszuüben – ohne die Wahlfreiheit einzuschränken. Typische Beispiel sind die Anordnung der Gerichte in einer Kantine, sog. „Defaults“ (beispielsweise das Opt-out vs. Opt-in bei der Organspende) oder solche Hinweise, die Treppe zu benutzen, wie sie das obige Plakat der Veranstalter zeigt.[ii]

Den Begriff haben 2008 Cass Sunstein und Richard Thaler in ihrem gleichnamigen Buch geprägt. Seitdem haben Regierungen weltweit zahlreiche „Nudge Units“ [iii]  gegründet, um das Verhalten ihrer Bürgerinnen und Bürger systematisch (positiv) zu beeinflussen.[iv] In Deutschland hat das Thema vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfahren. Auch als 2017 Richard Thaler der Nobelpreis für Ökonomie erhielt[v], hat sich das nach meiner Wahrnehmung nicht wirklich geändert.

Nudging als ein Instrument der Prävention in Lebenswelten

Am 15.-17.3.2019 fand nun mit Unterstützung u.a. der Techniker Krankenkasse und der Knappschaft Bahn See an der Charité Berlin die erste Konferenz „Nudging in der Gesundheitsförderung“ statt.[vi]

Im Rahmen der ersten Podiumsdiskussion machte Sabine Voermans von der TK deutlich, warum Nudging in der Gesundheitsförderung ein relevantes Thema ist: Von den gut 10 Mio. Versicherten der TK nähmen nur 270.000 an Präventionskursen statt. Dies seien zu 80% Frauen über 50 und zum großen Teil „Wiederholungstäterinnen“. Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen bei Maßnahmen der Verhaltensprävention sei Nudging damit ein „Mosaikstein“ der Verhältnisprävention in Lebenswelten.[vii]

Kritik am Konzept des Nudging

In der Podiumsdiskussion am zweiten Tag kam mit Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, ein profilierter Kritiker des Nudging-Konzeptes zu Wort. Gigerenzer kritisiert Nudging auf mehreren Ebenen: Nudging sei ein Ausweichen der wirtschaftsfreundlichen Cameron-Regierung vor robusteren Maßnahmen wie Steuern oder Verboten gewesen. Die Interventionen seien wenig wirksam, typischerweise würden sie nur wenige Prozentpunkte Veränderung bewirken. Sie seien auch nicht nachhaltig, da keine Kompetenz aufgebaut würde. Teilweise sänke die Häufigkeit des gewünschten Verhaltens nach einiger Zeit sogar unter den Ausgangswert. Grundsätzlich sei das Menschenbild, das dem Nudging zugrunde läge, das eines fundamental irrationalen und nicht lernfähigen „Homer Simpson“. Statt auf Nudging solle man lieber auf Kompetenzentwicklung setzen. Das Referat „wirksam regieren“ im Bundeskanzleramt betreibe daher auch explizit kein Nudging.[viii]

Vor dem Hintergrund von Big Data stünden wir als Gesellschaft an einem Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen, ob wir mehr gesteuert werden wollen oder auf den risikokompetenten Bürger setzen. Nudging stellte er in den Kontext des chinesischen Social Credit-Systems.[ix]

Innovative Workshops mit Design Thinking

Anders als bei klassischen akademischen Konferenzen gab es während des ganzen Wochenendes eine Reihe interaktiver Blöcke. In Workshops wurden mit Methoden des Design Thinking u.a. gesundheitsförderliche Nudges für verschiedene Kontexte entwickelt. Allerdings illustrierte die Arbeit in den Workshops auch die Probleme und Grenzen des Nudging-Ansatzes: viele Ideen – und zwar insbesondere die wirksamen – verletzten das Kriterium, die Wahlfreiheit nicht einzuschränken.

Positives Fazit

Bei aller kritischer Reflektion, der Fundamentalkritik von Gigerenzer mochten sich weder die beiden anderen Diskutantinnen auf dem Podium (Christine Röger, Bereichsleiterin Wissenschaft am KErn Freising, und Sarah Lena Böning von der Universität Köln) noch die meisten anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz anschließen. Nicht zuletzt fanden die meisten es sinnvoll, selber gelegentlich – transparent – „genudged“ zu werden, wo es ihrer eigenen Gesundheit dient.

Dem kann ich persönlich zustimmen: Auch, wenn der Aufbau von Kompetenz letztlich der Königsweg zur Verhaltensänderung sein sollte – weil die Verhaltensänderungen mit höherer Wahrscheinlichkeit nachhaltig sind und auch aus grundsätzlichen ethischen und demokratietheoretischen Erwägungen – wird niemand durch eine Erinnerung an einen Impftermin entmündigt.

Der Wirkungsbereich des gesundheitsförderlichen Nudging ist jedoch eingeschränkt. Vielfach wurde auf der Konferenz darauf hingewiesen, dass die Hersteller von Süßigkeiten und die Online-Werber mit ihren datenbasiert personalisierten Anzeigen über viel größere Mittel der Manipulation verfügen, als dass man erfolgreich gegen sie „an-nudgen“ könnte. Auch dies scheint mir ein Grund zu sein, auf Kompetenzaufbau zu setzen – und dabei auch über die Mechanismen des Nudging aufzuklären.

Wegen der inspirierenden Workshops, aber auch aufgrund der kontroversen Diskussion, zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Abschluss der Konferenz ein positives Fazit und auch ich habe habe es nicht bereut, ein Wochenende investiert zu haben. Unabhängig vom Thema selber und dieser Konferenz, würde es mich freuen, wenn der verhaltensökonomische Ansatz und auch diese Initiative dazu beitragen würde, auch im deutschen Gesundheitswesen einerseits mehr zu experimentieren – und diese Experimente andererseits rigoros empirisch auf ihre Wirksamkeit zu prüfen.

[i] S. https://www.youtube.com/watch?v=dlDXVI6uM78 Die Veranstalter dieser niederländischen Nudge-Konferenz beweisen mit ihrem Namen jedenfalls Humor: https://www.uu.nl/en/events/wink-nudging-and-beyond-conference-2019

[ii] Hier noch ein Monty Python-Sketch zum Thema Organspende.  Nichts für zarte Gemüter.

[iii] S. z.B. http://blogs.worldbank.org/developmenttalk/nudge-units-where-they-came-and-what-they-can-do

[iv] Thaler und Sunstein nennen das „libertären Paternalismus“.

[v] Nachdem 2002 mit Daniel Kahnemann bereits ein Verhaltensökonom ausgezeichnet wurde.

[vi] Literatur zum Thema Nudging und Gesundheitsförderung gibt es natürlich schon länger, z.B. diesen Sammelband: https://www.amazon.de/Nudging-Health-Law-Behavioral-Economics/dp/1421421011

Zur Primärprävention s. folgende Übersichtsarbeit von Mathias Krisam, einem der Initiatoren der Konferenz: http://dx.doi.org/10.1055/s-0042-121598 

[vii] Eine möglicherweise interessante Randnotiz an diese Stelle: Erwin Rüddel, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des Bundestages, kündigte an, dass es in der Prävention demnächst stärkere finanzielle Anreize für Kassen geben solle.

[viii] S. dazu auch diesen Artikel. Vielen Dank an Herrn Gigerenzer für den Literaturhinweis.

[ix] Ähnliche Bedenken treiben Harari in seinem aktuellen Buch um: https://www.theguardian.com/books/2018/sep/14/yuval-noah-harari-the-new-threat-to-liberal-democracy

  


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