Deutschland gibt im internationalen Vergleich enorme Summen für die Reparaturmedizin aus, hinkt jedoch bei der Gesundheitsvorsorge und Digitalisierung hinterher. Während die gesunden Lebensjahre sinken, steigen die Kosten für chronische Krankheiten massiv an. Ein neues Positionspapier für Berlin zeigt nun, wie der Turnaround gelingen kann – durch ein digitales „Betriebssystem für Prävention“, das bundesweit als Vorbild dienen kann.
Trotz hoher Gesundheitsausgaben steht Deutschland vor einer alarmierenden Entwicklung: Die Zahl der gesunden Lebensjahre (Healthy Life Years) für Menschen ab 65 Jahren ist zwischen 2015 und 2022 drastisch gesunken – bei Frauen von 12,3 auf 8,6 Jahre und bei Männern von 11,4 auf 8,2 Jahre.
Die Präventionslücke: Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit und belegt Spitzenplätze bei den Arztbesuchen, bildet jedoch bei der Digitalisierung und dem tatsächlichen Gesundheitszustand der Bevölkerung das Schlusslicht im internationalen Vergleich. Diese Diskrepanz spiegelt sich im schwindenden Rückhalt wider: Das Vertrauen in die Gesundheitspolitik hat sich innerhalb von nur fünf Jahren halbiert. Die Ursache für diese Krise ist offensichtlich: Es mangelt an einer durchgehenden Präventionsstrategie für eine Gesellschaft des langen Lebens, die Gesundheit proaktiv fördert, statt lediglich auf Krankheit zu reagieren.
Die Gründe für diese Schieflage sind tief im System verwurzelt:
- Fragmentierte Strukturen und Finanzierungs-Dschungel: Die Zuständigkeiten und Finanzierungslogiken sind zwischen Kommunen, Kranken-, Renten- und Pflegeversicherungen sowie privaten Akteuren zersplittert. Für Bürger:innen und Fachkräfte entsteht so ein undurchsichtiges System, in dem eine koordinierte Versorgung erschwert wird. Es fehlt an einer strukturierten Übersicht und digitalen Navigationshilfen, die Menschen gezielt zu den passenden Angeboten leiten.
- Die Konsequenz – Ungenutzte Potenziale: Infolgedessen werden bestehende Möglichkeiten kaum ausgeschöpft; lediglich jeder fünfte Bürger (21 %) nimmt aktuelle Präventionskurse in Anspruch. Besonders vulnerable Gruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund oder geringerer formaler Bildung werden durch die bisherige Ansprache kaum erreicht.
40 Milliarden Euro Einsparung auf Bundesebene sind möglich
Dabei ist das wirtschaftliche Potenzial einer konsequenten Präventionsorientierung enorm. Chronische Krankheiten verursachen in Deutschland jährlich Kosten von rund 330 Milliarden Euro (etwa 7 % des BIP). Ökonomen gehen davon aus, dass ein investierter Euro in den Arbeitsschutz einen wirtschaftlichen Nutzen von 2,20 Euro generiert (Return on Prevention).
Besonders beeindruckend: Wenn es gelänge, nur 15 % der Patienten dauerhaft zu wirksamen Lebensstilinterventionen zu aktivieren, könnten bundesweit jährlich über 40 Milliarden Euro eingespart werden – das ist mehr als die aktuellen Sparpakete zur Sicherung der gesetzlichen Krankenversicherung.
Berlin als konkretes Vorbild: Das „Betriebssystem für Prävention“
Das aktuelle Positionspapier „Eine Präventionsstrategie für Berlin“ liefert konkrete Antworten, wie dieser Wandel gelingen kann. Der Kern der Lösung ist ein digital gestütztes Betriebssystem, das die zersplitterte Angebotslandschaft in drei zentralen Ökosystemen bündelt: (1) junge Familien und Kinder, (2) Menschen mit chronischen Erkrankungen im Erwerbsalter und (3) ältere sowie pflegebedürftige Menschen.
Die Strategie setzt auf zwei technologische Säulen:
- Digitaler Marktplatz: Er schafft Transparenz und bündelt regionale Angebote zu sogenannten Präventionsketten, die den Zugang für Bürger massiv erleichtern.
- Plattform für individuelle Gesundheitspfade: Ein System, das die teambasierte, virtuelle Zusammenarbeit zwischen Fachrichtungen, Angehörigen und Betroffenen ermöglicht und die Umsetzungsstärke im Alltag sichert.
Konkrete Lösungen aus der Praxis
Berlin verdeutlicht dabei die grundsätzliche Problematik wie unter einem Brennglas: Als Metropolregion mit ausgeprägter sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit bei gleichzeitig wachsender Bevölkerung ist der Handlungsdruck hier besonders hoch. Das Positionspapier zeigt an Berliner Beispielen, dass die Ansätze, wie durch die Verknüpfung lokaler Präventionsketten in den Bezirken die zersplitterten Angebote zu einem bürgerzentrierten Gesamtprozess verbunden werden, bereits heute wirken:
- FlexiFAM: Ein flexibles Unterstützungsformat für Familien, das signifikante Kostenersparnisse gegenüber klassischen Jugendhilfemaßnahmen erzielt.
- Checkpoint BLN: Ein community-basierter Anlaufpunkt, der Menschen erreicht, die sonst oft keinen Zugang zum regulären Gesundheitssystem finden.
- domino-coaching: Ein rehabilitativer Pflegeansatz, der die Pflegebedürftigkeit mindert. Allein 2025 ermöglichte er 81 Patienten die Rückkehr in das häusliche Umfeld.
Bundesweite Übertragbarkeit
Die Berliner Strategie ist als Blaupause für ganz Deutschland konzipiert. Die Struktur der Gesundheitskonferenzen in den Bezirken bietet die ideale organisatorische Basis, um Präventionsnetzwerke lokal zu steuern und digital zu vernetzen.
Dieses Modell ist direkt auf andere Regionen übertragbar. Eine Allianz aus Krankenkassen, Arbeitgebern und Kommunen kann die Finanzierung tragen, zumal diese Akteure am stärksten von der finanziellen Entlastung profitieren. Der Bund könnte hierbei durch eine Anschubfinanzierung für regionale Präventionssysteme einen „Wettbewerb der besten Strategien“ initiieren.
Der Berliner Weg beweist: Prävention ist kein bloßer Kostenfaktor, sondern eine Investition in die Lebensqualität und die Stabilität unserer Sozialsysteme. Durch digitale Vernetzung kann gesundes Verhalten zur einfachsten Option für alle Bürger werden.
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Dieser Artikel basiert auf dem Positionspapier der Gesundheitsstadt Berlin. Die Positionen des Papiers werden von einer Allianz an Akteuren des Berliner Gesundheitswesens getragen. Autoren sind Dr. Daniel Dettling (Gesundheitsstadt Berlin e.V.) und Karsten Knöppler (fbeta GmbH).
Das Papier wird am 28. Mai 2026 vorgestellt und ist anschließend hier herunterladbar.
Autor & Ansprechpartner

Karsten Knöppler ist Geschäftsführer der _fbeta GmbH und Experte für digitale Transformation im Gesundheitswesen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, wie Prävention, Versorgung und Digitalisierung sinnvoll miteinander verbunden werden können. Sein Fokus liegt auf hybriden Versorgungsmodellen, digitalen Gesundheitsanwendungen, Plattformstrategien und innovativen Präventionsansätzen . Durch seine Erfahrung an der Schnittstelle von Versorgung, Technologie und Gesundheitsökonomie begleitet er Krankenkassen, Leistungserbringer und Digital-Health-Unternehmen bei der Entwicklung zukunftsfähiger Präventions- und Versorgungskonzepte. Als Speaker, Autor und Strategieberater setzt er sich insbesondere mit der Rolle digitaler Lösungen für eine nachhaltige, personalisierte und wirksame Prävention auseinander.