Der Usability-Test läuft gut. Aber wird die App später auch genutzt?
Bei der Entwicklung digitaler Gesundheitsangebote gehört der Blick auf die späteren Nutzer selbstverständlich dazu. Neben der konkreten Bedienbarkeit spielen dabei auch individuelle Erfahrungen, Erwartungen, Kompetenzen und die jeweilige Nutzungssituation eine Rolle. Interessant für die Produktentwicklung ist deshalb vor allem, wie sich dieses Wissen möglichst früh und gezielt einbeziehen lässt.
Denn nicht jede Frage muss für jedes Produkt neu gestellt werden. Vorhandene Erkenntnisse können eine Ausgangsbasis schaffen, um am konkreten Produkt genau dort tiefer einzusteigen, wo noch Fragen offen sind. Mit EHealth Insights haben wir dafür im Januar 2026 die Nutzung von Digital-Health-Angeboten in Deutschland repräsentativ untersucht.
Eine Anwendung ist fertig entwickelt, die ersten Tests verlaufen gut und die Nutzer finden sich zurecht. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber er beantwortet noch nicht die Frage, ob das Angebot später auch im Versorgungsalltag angenommen und dauerhaft genutzt wird.
Gerade bei digitalen Gesundheitsangeboten liegen zwischen Bedienbarkeit, Akzeptanz und tatsächlicher Nutzung mehrere Ebenen. Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen mit digitalen Angeboten, unterschiedliche Gesundheitskompetenzen, Erwartungen und Vorbehalte mit. Hinzu kommt der konkrete Versorgungskontext: Eine Anwendung muss nicht nur verständlich sein, sondern auch in einer bestimmten gesundheitlichen Situation relevant erscheinen und sich sinnvoll in Alltag und Versorgung einfügen.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit bestätigt diese Vielschichtigkeit. Auf Basis von 61 Studien identifizieren die Autoren neben Merkmalen der Technologie und ihrer Inhalte auch persönliche Faktoren, soziale und professionelle Unterstützung sowie den jeweiligen Nutzungskontext als Einflussgrößen auf die Adhärenz bei digitalen Gesundheitstechnologien. (Quelle: Systematic Review im Journal of Medical Internet Research). Unsere Daten aus EHealth Insights (03/2026) zeigen zudem, dass Digitalkompetenz ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.
Ein Usability-Test kann sehr konkret zeigen, wo Menschen bei der Nutzung ins Stocken geraten. Für die Einordnung dieser Beobachtungen hilft ein breiteres Wissen darüber, welche Erfahrungen, Erwartungen und Voraussetzungen die späteren Nutzer mitbringen. Und genau dieses Wissen muss nicht jedes Mal neu erhoben werden.
Nicht jede Nutzungshürde ist ein Usability-Problem
Stellen wir uns vor, mehrere Testpersonen brechen an derselben Stelle einer Gesundheits-App ab.
Die naheliegende Reaktion: Es wird entschieden, die Anwendung zu überarbeiten.
Aber was muss tatsächlich verändert werden? Die Gründe für die Abbrüche können vielfältig und individuell sein: Ein medizinischer Begriff wird nicht verstanden; die abgefragte Information liegt dem Nutzer nicht vor; der Nutzen des nächsten Schritts wird nicht klar / erscheint nicht relevant; oder es bestehen Bedenken, sensible Gesundheitsdaten einzugeben …
Für die Produkt(weiter-)entwicklung stellt diese Fülle an möglichen Gründen ein Problem dar. Denn je nachdem, was hinter dem Verhalten steckt, braucht es eine andere Lösung. Um die Beobachtung richtig einzuordnen, hilft deshalb der Blick über die konkrete Interaktion hinaus: Welche Erfahrungen haben Menschen bereits mit digitalen Gesundheitsangeboten gemacht? Welche Bedürfnisse und Erwartungen bringen unterschiedliche Nutzergruppen mit? Welche Faktoren fördern Vertrauen und Nutzung – und wo zeigen sich Unterschiede in der Bevölkerung?
Solche Fragen gehören zum UX-Research. Sie müssen aber nicht zwangsläufig für jedes Produkt neu untersucht werden.
UX-Research muss nicht jedes Mal von vorne beginnen
Für viele dieser Fragen gibt es bereits Erkenntnisse, auf denen die Produktentwicklung aufbauen kann. Anfang 2026 haben wir mit EHealth Insights in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung untersucht, wie Menschen in Deutschland Digital-Health-Angebote nutzen und wahrnehmen. Die Ergebnisse geben unter anderem Einblicke in Erfahrungen, Einstellungen, Bedürfnisse und Barrieren und machen Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen sichtbar.
EHealth Insights ersetzen damit kein produktspezifisches UX-Research, die Daten können aber helfen, den Ausgangspunkt der Erprobung bzw. Usability-Tests zu verschieben und effizienter zu gestalten: Statt grundlegende Fragen über die potenziellen Nutzer für jedes Produkt neu zu erheben, lässt sich vorhandenes Wissen nutzen und anschließend gezielt untersuchen, welche Fragen bereits beantwortet sind und wo es sich lohnt, für das konkrete Produkt genauer hinzuschauen.
Gerade im Digital-Health-Bereich kann die Verbindung von übergreifenden User Insights und konkreten Produkttests verhindern, dass aus einer richtigen Beobachtung die falsche Schlussfolgerung gezogen wird. Bereits in der Produktkonzeption hilft ein fundiertes Verständnis der Zielgruppe, Bedürfnisse, Nutzungskontexte und mögliche Hürden frühzeitig zu berücksichtigen. Im Usability-Test zeigt sich anschließend, wie Nutzer:innen tatsächlich mit dem konkreten Produkt interagieren. Die vorhandenen User Insights liefern dabei den Kontext, um diese Beobachtungen besser einzuordnen und gezielter abzuleiten, wo die nächste Produktiteration ansetzen sollte.
Für die Produktentwicklung kann das ganz praktisch so aussehen:

- Bei der Produktkonzeption: Bevor Funktionen und konkrete Nutzungspfade feststehen, wird das Zielbild geschärft: Für wen entwickeln wir, welches Problem soll das Angebot lösen und in welchem Kontext wird es später genutzt? Erkenntnisse über die potenziellen Nutzer helfen, Annahmen zu Bedürfnissen, Erfahrungen und Nutzungsvoraussetzungen früh mit dem Produktkonzept abzugleichen.
Sie fließen dabei gemeinsam mit der fachlichen Versorgungslogik sowie technischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Anforderungen in die Produktentscheidungen ein. Dieses Nutzerverständnis bildet zugleich eine Grundlage für die spätere Ausgestaltung des Usability-Tests – etwa bei der Auswahl relevanter Nutzungsszenarien und Testpersonen.
- Nach dem Usability-Test: Die Beobachtungen lassen sich mit dem vorhandenen Nutzerwissen einordnen. So wird klarer, welche Konsequenz sich daraus für die nächste Produktiteration ergibt – und ob weitere Fragen in einem Test vertieft werden müssen.
Der pragmatische Ansatz: Nutzen, was über die Nutzer bereits bekannt ist – und am Produkt genau dort tiefer gehen, wo noch Antworten fehlen.
Blick in die Praxis
Wie sich diese Fragen in der Praxis stellen, erleben wir aktuell auch im Projekt lebenDIG. Das Verbundprojekt wird im Rahmen des Innovationswettbewerbs „Gesünder.IN.NRW“ durch das EFRE/JTF-Programm NRW gefördert und entwickelt eine digitale Lösung für die strukturierte, indikationsspezifische Nachsorge – zunächst am Beispiel der akuten Lungenembolie, perspektivisch mit übertragbaren Ansätzen für weitere Erkrankungen.
Nach der Softwareentwicklung (Link novadocs) und ersten internen Tests beginnt jetzt unter Verantwortung des HDZ [Link] die Erprobung mit Patienten und Ärzten. Mit der Erprobung rücken nun genau die Fragen in den Vordergrund, die sich erst am konkreten Produkt beantworten lassen: Wie erleben Patient:innen und Ärzt:innen die Anwendung, wo entstehen Hürden und welche Anforderungen ergeben sich daraus für die weitere Entwicklung?
Informationen zu dem, was wir dabei aktuell lernen und welche weiteren Fragen sich für eine dauerhafte Integration digital unterstützter Nachsorge in die Versorgung stellen, finden Sie auf unserer lebenDIG-Projektseite [Link]
Fazit: Damit aus guter Usability auch tatsächliche Nutzung wird
Für die Entwicklung digitaler Gesundheitsangebote, die auch nachhaltig genutzt werden, lässt sich daraus ein pragmatischer Ansatz ableiten: Erkenntnisse über die späteren Nutzer mit dem verbinden, was sich am konkreten Produkt beobachten und testen lässt.
Aktuelle repräsentative Daten, wie sie etwa mit EHealth Insights vorliegen, können dafür einen Ausgangspunkt bieten und den Blick dafür schärfen, welche Unterschiede, Bedürfnisse oder Barrieren für das eigene Angebot relevant sein könnten.
Dafür braucht es keine umfangreichen Forschungsprogramme. Bevölkerungsrepräsentative Daten können den notwendigen Kontext liefern, um Ergebnisse aus Usability-Tests einzuordnen und daraus gezielt die nächsten Schritte für die Produktüberarbeitung abzuleiten. So sinkt das Risiko, aus richtigen Beobachtungen die falschen Konsequenzen für die Weiterentwicklung zu ziehen.
Autorin & Ansprechpartnerin

Anja Schweitzer ist Partnerin bei _fbeta. Als Wirtschaftspsychologin bringt sie das Handwerkszeug fundierter Markt- und Nutzeranalysen mit, das sie über viele Jahre in qualitativen und quantitativen Forschungsprojekten geschärft hat. Gleichzeitig kennt sie das Gesundheitswesen aus unterschiedlichen Perspektiven – aus der Krankenkassenwelt ebenso wie aus der Arbeit bei einem Pflege-Startup – und versteht damit sowohl die Systemlogik als auch die Innovationsseite.