ADHS endet nicht mit dem Schulabschluss. Die Versorgung tut es offenbar oft schon

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ADHS-Versorgung in Deutschland: Was GKV-Routinedaten über die Lebensspanne zeigen

Pharma- und DiGA-Unternehmen treffen Versorgungsentscheidungen auf Basis verschiedener Datenquellen. Klinische Studien liefern Wirksamkeitsnachweise unter kontrollierten Bedingungen. GKV-Routinedaten zeigen, wie die Versorgungssituation von Menschen mit einer bestimmten  Indikation im Versorgungsalltag tatsächlich aussieht – welche  Therapieformen genutzt werden, wo Patient:innen das System verlassen, wie sich das über Zeit verändert. Welche Tiefe diese Perspektive erreichen kann, zeigt eine aktuelle Studie für ADHS auf Basis von GKV-Routinedaten (2017 bis 2023).

Diagnose im Kindesalter, niedrige Prävalenz im Erwachsenenalter 

ADHS gilt vielen noch immer als Kinderkrankheit. Die Datenlage widerspricht dem: Bei einem Großteil der Betroffenen persistieren die Symptome bis ins Erwachsenenalter – mit erheblicher Krankheitslast.  Gleichzeitig liegt die administrative Prävalenz im Erwachsenenalter deutlich unter der bei Kindern und Jugendlichen.

Was steckt dahinter?  Ein echter Rückgang der Symptomatik oder eine Versorgung, die den Übergang ins Erwachsenenalter nicht vollständig abbildet?

Diese Frage lässt sich mit klinischen Studien nicht beantworten. Mit GKV-Routinedaten lässt sie sich präzise stellen – und eingrenzen.

Wie wird ADHS in Deutschland tatsächlich versorgt? 

Die Analyse erfasst Inzidenz, Prävalenz und Versorgungsformen über die gesamte Lebensspanne. Drei Befunde stechen heraus:

  1. Prävalenzgefälle über die Lebensspanne: Die administrative Prävalenz liegt im Erwachsenenalter deutlich unter der bei Kindern und Jugendlichen. Das lässt sich biologisch teilweise erklären: ADHS-Symptome verändern sich im Lebenslauf. Bei einem Großteil der Betroffenen persistiert die Störung jedoch — was das Prävalenzgefälle allein durch Symptomrückgang nicht erklärt.
  2. Therapiemuster im Erwachsenenalter: Fast die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS-Diagnose erhält weder medikamentöse noch psychotherapeutische Behandlung. Die S3-Leitlinie empfiehlt multimodale Therapie — die Versorgungsrealität sieht anders aus.
  3. Veränderungen im Therapiemix: Psychotherapeutische Behandlungen nehmen im Beobachtungszeitraum zu, insbesondere Verhaltenstherapie. Der Anteil ohne jede Therapie sinkt. Die Richtung stimmt, bleibt aber auf einem relevanten Niveau.

Was können GKV-Routinedaten für Pharma- und DiGA-Unternehmen leisten? 

Wer eine Indikation wie ADHS bearbeitet – ob im Market Access, in der Produktentwicklung oder bei der Zulassung einer DiGA – braucht ein belastbares Bild der Versorgungsrealität. Wo werden Patient:innen behandelt, wo nicht? Welche Therapieformen dominieren, welche fehlen? Wie entwickelt sich das über Zeit?

GKV-Routinedaten liefern dieses Bild: flächendeckend, im Längsschnitt, mit der gesamten GKV-Population und das ohne Selektion, ohne Drop-out. Sekundärdatenanalysen auf Basis von GKV-Routinedaten sind daher für Pharma- und DiGA-Unternehmen in mehreren Kontexten relevant:

  • als Basis für Market-Access-Argumentationen,
  • als Grundlage für Studiendesign, als Evidenz für Kostenträger-Gespräche oder
  • als Ausgangspunkt für die Entwicklung indikationsspezifischer Versorgungsansätze.

Über die Studie

Dr. Patrick Timpel ist Mitautor der Studie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: Inzidenz, Prävalenz und Versorgung – eine Analyse von Routinedaten“, erschienen im Deutschen Ärzteblatt International: DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0032

 

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